von Prof. Dr. Ernst F. Bienz

Für die Griechen war die Inschrift am Apollotempel zu Delphi "Erkenne dich selbst" die Aufforderung, in der Gemeinschaft mit andern nach dem Ideal der Gerechtigkeit zu leben, um dadurch die Harmonie mit sich selbst zu ermöglichen. Die Freimaurerei erstrebt Ähnliches. Ihr Leitbild ist der griechische Tempel, die offene Säulenhalle. Jede Säule besitzt einen Eigenwert, doch gemeinsam tragen die Säulen das Dachgebälk, das sie zur Gesamtheit vereinigt. In der Freimaurerei symbolisieren Säulen Menschen, die in ihrem Streben nach Vollkommenheit eine bessere Zukunft für die Menschheit verwirklichen möchten. Deshalb wendet sich die Freimaurerei an Mündige und Freie und lehrt sie in Gleichnissen eine Pflichtethik, die die Übernahme von Verantwortung für sich selbst, Gesellschaft, Staat und Völkergemeinschaft verlangt. Es war vor allem Shaftsbury, der die werdende Freimaurerei geprägt hat, denn seine aus griechischem Denken und Fühlen entwickelte Philosophie legt dar, dass der einzelne durch Entwicklung seiner natürlichen Anlagen zur Sittlichkeit gelangt und damit Gemeinschaft stiftet, stärkt und schützt.

Das Wesen der Freimaurerei wird durch die Merkmale Loge, Tempelidee, Symbol, Weihe, Gradwesen und Toleranz bestimmt. Das wird nachstehend zusammenfassend beschrieben.

Loge

Die Loge ist eine Gemeinschaft Gleichgesinnter und Gleichberechtigter, die sich als Stätte des Friedens versteht. Massgebend ist die Erkenntnis, dass der Mensch angeborene und unabdingbare Rechte besitzt, die Kernpunkte seiner Würde sind. Diese Lehre gibt die Loge  an Suchende weiter. Haupt der Loge ist der Meister vom Stuhl, dem die Macht zu weihen, zu lehren und zu leiten gegeben ist. Die Alpina-Logen bekennen sich zur Staatsidee der Eidgenossenschaft; sie sind Vereine nach ZGB 60ff.

Tempelidee

Die Tempelidee vergegenwärtigt, dass die Menschheit zur Entwicklung der Kultur der Ordnung und Leitung bedarf. Die Loge versammelt sich als Tempel, dargestellt durch Kolonnen ihrer Mitglieder. Die Seiten des imaginären Bauwerks sind nach dem Sonnenlauf benannt, Hinweis auf die Idee der Übereinstimmung von kosmischer und menschlicher Ordnung. Der Eintritt in den Tempel erfolgt auf der Seite des Sonnenuntergangs. Die Wanderung zum Osten symbolisiert den Gang durch die Nacht (der Unwissenheit) zum Licht (der Erkenntnis). Die Bibel (Joh. 1,6) erwähnt Johannes als Zeugen des Lichts. Darum ist die Freimaurerei 1717 am Tag des Täufers gestiftet worden. Im Johannesevangelium kommt auch der Hellenismus zum Wort.

Symbole

Freimaurerische Symbole zeigen den Menschen als Bildner seiner selbst. In ihrem Wesen sind sie Zeichen, die Deutung verlangen und dadurch Bedeutung erhalten. Solche Zeichen können Werkzeuge, Handlungen, Gesten, Bilder oder Worte sein. Was sie zu sagen haben, wird erst dann klar, wenn sie in Sinnzusammenhänge gestellt sind. Der Hammer beispielsweise versinnbildlicht Macht, gezügelt durch die sittlichen Kräfte Menschenliebe und Gerechtigkeit, dargestellt durch Zirkel und Winkelmass. Die wichtigsten Sinnbilder sind zu einer Lichtsymbolik vereinigt, die die Harmonie zwischen geistiger und individueller Welt darstellt. Der Geist und das Licht haben Chaos, die Finsternis bezwungen. Darum haben die Grossen Lichter Bibel, Winkelmass und Zirkel ihre Entsprechung in den Tugenden Weisheit, Stärke und Schönheit, die Kleine Lichter geheissen werden.

Weihe

Einweihungen drücken aus, dass Erlebnisse und Begegnungen den Charakter formen und die Persönlichkeit bilden. Dem Wesen nach sind Initiationen Dramen, die die Loge für Suchende aufführt. Es sind szenische Darstellungen des Gegensatzes zwischen Ideal und Wirklichkeit. Das erlebt der Einzuweihende als innere Wandlung, die er mit dem Gelübde bestätigt. Diese Ritualdichtung erinnert an Mysterien, an die Dramen der griechischen Tragiker, an die Passionsspiele und an das Welttheater von Calderon.

Gradwesen

Das Gradwesen ist ein Gleichnis, dafür, dass der einzelne mit der Entwicklung seiner Gaben und Kräfte in eine immer grössere Verantwortung hineinwächst. Solche Erwartungen veranschaulichen die Gradstufen Lehrling, Geselle und Meister. Diese Bezeichnungen charakterisieren Entwicklungen im Menschheits- und Weltverständnis. Der Lehrling erforscht die Menschwerdung. Er sieht, wie der Mensch in der Begegnung mit der Natur seine Kräfte entwickelt und dadurch vom kreatürlichen zum geistbegabten Wesen aufsteigt. Der Geselle geht einen Schritt weiter und ergründet die Mitmenschlichkeit. Dabei sieht er ein, dass das Zusammenleben mit andern der Regelung durch Übergeordnetes und Verbindliches bedarf, und unterwirft sich den Geboten der Sittlichkeit. Zugleich bekämpft er alles Denken und Handeln, das diese Ordnung stört und gefährdet. Der Meister erkennt, dass er nur ein Glied in der Kette der Generationen ist. So wächst er über sich selbst hinaus. Die Weisheit lehrt, dass Freiheit das höchste Gut der Menschheit ist. Diese gilt es zu schützen, im letzten durch Hingabe des Lebens. Für solche Wahrheitsliebe, Gesinnungstreue und Aufopferung ist Sokrates das leuchtende Vorbild. Im Meistertum offenbart die Baustein- und Bauopfersymbolik ihren eigentlichen Sinn.

Toleranz

Wäre die Freimaurerei eine Religion, besässe sie die hierfür charakteristischen Merkmale. Sie hätte dann Jenseitsvorstellungen, Heilsversprechen, eine Gnadenlehre und ein Glaubensbekenntnis. Dies alle ist ihr fremd. Der Freimaurer wählt denjenigen Glauben, den er selbst für den besten hält. Diese Freiheit, die er für sich beansprucht, fordert er für jedermann. Ein Beispiel dafür, wie Toleranz zum Grundstein der politischen Kultur gemacht wird, ist die Bundesverfassung von 1848. An ihrer Gestaltung hat Jonas Furrer, später erster Präsident der erneuten Eidgenossenschaft, massgebend mitgewirkt. Furrer war Freimaurer.